In 100% der Fälle wird eine Krebszelle von einem Menschen begleitet
Vor einigen Jahren habe ich in einer Fachzeitschrift einen Artikel mit dem Titel „In 100% der Fälle wird eine Krebszelle von einem Menschen begleitet.“ veröffentlicht. Mit diesem Titel möchte darauf hinweisen, dass in der Onkologie allzu oft nur die Krebszelle, der Tumor oder die Metastase im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Leider existiert in vielen Teilen der Medizin noch immer ein Röhrengesichtsfeld mit Fokus auf die erkrankten Organe. Welche Art der Krebstherapie eine PatientIn erhält, wird in einem Konsil von Ärzten verschiedener Fachgruppen festgelegt. Bei diesem Konsil dienen Histologiebefunde und Röntgenbefunde als Grundlage zur Entscheidung. Zu selten wird erwähnt, unter welchen Lebensumständen eine Patientin lebt oder welchen Beruf sie hat. Auch Vorlieben oder Hobbies kommen selten zur Sprache. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn mehr Bereitschaft bestünde, sich auf den ganzen Menschen einzulassen.Dazu fällt mir folgendes Beispiel ein: bei einer 45-jährigen Patientin wurden Lebermetastasen festgestellt. Somit wurde auf eine innovative neue Therapie mit geringem Polyneuropathierisiko umgestellt. Seit 3 Jahren hat die Patientin eine Komplettremission (die Lebermetastasen sind radiologisch nicht mehr nachweisbar) und sie ist weiterhin begeisterte Marktfrau. Durch die Entwicklung neuer Medikamente gelingt es die Lebenserwartung der KrebspatientInnen ständig zu verlängern. In den letzten Jahren sind in der Behandlung von Brustkrebs zusätzlich zur Chemotherapie neue Immuntherapien, Antikörper, kombinierte Antikörper- Chemotherapiepräparate und auch neue Antihormontherapien dazugekommen. All diese Entwicklungen können bewirken, dass Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs länger leben. Aber noch viel wichtiger finde ich die Frage, wie sie in dieser Zeit leben und was ist möglich in der gewonnenen Lebenszeit?Dieser Frage geht die Kampagne der Firma Gilead „More Momente“ nach. Die Initiative „more – Momente im Leben“ gewährt einen einzigartigen Einblick in das Leben von metastasierten Brustkrebspatientinnen. Diese beschreiben, was ihnen wichtig ist im Leben. Sie erzählen, wofür es sich lohnt, die Therapien auf sich zu nehmen. Für jeden Menschen ist etwas anderes besonders wichtig im Leben. Künstlerinnen präsentieren ihre Interpretationen jener gewonnenen Momente, die Betroffene dank innovativer Therapien erleben können. Die Sammlung an Kunstwerken wächst laufend weiter.Aus meiner Sicht verfolgt diese Kampagne zwei Ziele:Erstens: PatientInnen mit neu diagnostizierten Brustkrebsmetastasen Mut zu machen, indem sie anhand der gemalten Bilder aber auch des von anderen betroffenen geschriebenen Textes erfahren, was im Leben alles trotz Metastasen möglich ist. Außerdem erkennen sie wie lebenswert das Leben weiterhin sein kann.Zweitens: Onkologen haben die Chance ihr Röhrengesichtsfeld mit Fokus auf die erkrankten Organe zu erweitern. So werden sie neugierig gemacht, mehr über die Ziele und Wünsche ihrer Patientinnen in Erfahrung zu bringen. Unlängst erzählte mir ein Kollege, dass er ganz erstaunt war, als er erfuhr, dass „seine“ Patientin trotz Lungenmetastasen mit ihrem Enkel auf den Philippinen Urlaub gemacht hat, um dem Enkel ihr Heimatdorf zu zeigen. Dies ist ein Beispiel dafür sich mehr auf den Menschen und dessen Leben einzulassen.
In der Onkologie ist nicht nur die Bekämpfung der Tumorzellen wichtig, sondern auch die Förderung des Lebendigen der PatientInnen unverzichtbar. Nur so können wir die Patientinnen motivieren und ermutigen ihre gute Lebensqualität zu nutzen, um ihren Vorlieben, Wünschen und Hobbies nachzugehen.
AT-COR-0231